Panorama – Harburg (Arbeitstitel), 2009
ca. 15 min. digitaler Videofilm, MiniDV, 16:9, stereo Videoprojektion im Kunstverein Harburger Bahnhof
Drehbuch: Anna Rispoli Kamera: Anna de Manincor /Technische Leitung: Fabrizio La Palombara Schnitt: Anna de Manincor Sound: Massimo Carozzi

Anknüpfend an die Tradition des experimentellen Kinos bringen Massimo Carozzi (Jahrgang ‘67), Anna de Manicor (‘72) und Anna Rispoli (‘74), die seit 1999 in Bologna als Gruppe zusammenarbeiten, Theater, Tanz, Film und zeitgenössische Musik in einen audiovisuellen Dialog. Mit ihren »Panorama-Filmen«, erstmals realisiert 2004 in Rom, haben sie eine Serie ungewöhnlicher Stadtportaits begonnen, in denen sich ihr interdisziplinärer Anspruch anschaulich verwirklicht findet. Dank einer speziellen Vorrichtung rotiert dabei eine Kamera um die eigene Achse und filmt die Umgebung. Jede 360°-Drehung dauert genau 60 Minuten, die Drehzeiten selbst betragen bis zu 24 Stunden. Das gesammelte Material wird später einem Zeitraffer-Verfahren unterzogen und zu einem wesentlich kürzeren Film geschnitten. Die Veränderungen der Witterungs- und Lichtverhältnisse sind darin ebenso sichtbar wie die Passanten, die sich am Bildhorizont in scheinbar rasend schnellem Tempo bewegen. Urbane Ansichten finden sich in sequenzartige Bilderfolgen übersetzt und bilden zugleich die Kulisse für im Vordergrund stattfindende Mini-Handlungsstränge und Situationen, bei deren Inszenierung der nachfolgende Zeitraffer-Effekt durch ultra-langsame Bewegungen der Akteure vor der Kamera kompensiert wurde. Im Film erscheinen ihre Handlungen als nahezu “normale” Abläufe, wenngleich auf merkwürdige Art disharmonisch versetzt. Das Spiel mit den verschiedenen Zeitebenen, mit Dokumentation und Fiktion überführt den Akt des Drehens in eine unwiederbringliche Performancesituation und verleiht den Filmen, ergänzt durch eigens komponierten Sound und gezielt eingesetzte Nahaufnahmen, ihre surreale Poesie.

Nach Langzeit-Panoramen in italienischen Städten mit berühmter Geschichte, wie etwa Rom oder Venedig, nähert sich das Kollektiv nun Harburg in zwei kürzeren Sequenzen und aus zwei unterschiedlichen Perspektiven: Am ersten Drehort, nachmittags in der Fußgängerzone Seevepassage, herrscht reges Treiben. Passanten und Mitarbeiter der umliegenden Geschäfte durchqueren das Bild, verweilen – und werden so zu Beteiligten – oder verschwinden im Zeitraffertakt. Am zweiten Drehort, im Harburger Binnenhafen, ist kurz vor Sonnenaufgang ein anderer Rhythmus zu spüren: Während zufällig ein Tankschiff anlegt und die Schiffsleute sich mit den Führern der parkenden LKWs unterhalten, liegt morgendliche Ruhe und Andacht in der Luft. In beiden Fällen wird der Strom des Alltags um neue Protagonisten und Handlungen bereichert: Eine geheimnisvolle Holzbox, eine Schafsherde, die von einer Brücke aus träge die Seevepassage überblickt, ein Grüppchen schlafender Personen, das am Hafen dem Sonnenaufgang entgegenblinzelt. Realität und Fiktion verschmelzen, “das Unsichtbare wird sichtbar”. (ZimmerFrei).



ZimmerFrei
1999 in Bologna gegründet Mitglieder: Anna de Manincor (*1972 Trento), Anna Rispoli (*1974 Bassano del Grappa), Massimo Carozzi (*1967 Massa) ZimmerFrei arbeitet in Bologna, Brüssel, New York.

Ausgewählte Ausstellungen
• Manifesta 7 Trentino-AltoAdige, 2008
The Hot Season – Italian Art Now, Stenersen Museum, Oslo, Schweden, 2008
Almost Cinema, Vooruit Arts Centre, Gent, Belgien, 2007
Zimmerfrei: Panorama Bologna, Viafrini, Mailand, Italien, 2007
VIDEOTHEKA, Kunsthalle Wien, 2006
Frame, Gertrude Contemporary Art Space, Melbourne, Australien, 2006
Reaction / International Festival of Performance, EXTRA 51, 51th Biennale d'Arte diVenezia, Venedig, Italien, 2005
Rencontres Internationales Paris/Berlin 2005, roARaTorio, Paris, Frankreich, 2005
N.K., InterAccess, Richmond 401, Toronto, Kanada, 2001

Ausgewählte Preise und Stipendien
• ISCP International Studios &Curatorial Program, Brooklyn, NYC, USA, 2008
• Vooruit Arts Centre, Gent, Belgien, 2008
• Seat Pagine Bianche 2007, First Prize and Region Emilia Romagna Prize, Italien, 2007
• Best Film, Festival Opere Nuove, Bozen, Italien, 2001



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